Die Opfergruppen

Während der Zeit des Nationalsozialismus wurden verschiedene Gruppen vor allem wegen einer propagierten rassischen und biologistischen Minderwertigkeit verfolgt und getötet. Andere Gruppen wurden aus politischen und ideologischen Gründen sowie aufgrund ihres "Sozialverhaltens" verfolgt. Es gibt kein einziges von den NS-Behörden erstelltes beziehungsweise erhaltenes Dokument, aus dem hervorgeht, wie viele Menschen durch gezielte Verfolgung und Vernichtung ermordet wurden. [1],[2]

Abgesehen von den Auswirkungen auf gläubige Jüdinnen und Juden soll auch die Tragweite und Geltung für Personen, die sich selbst nicht als Jüdinnen oder Juden identifizierten, aufgezeigt werden.

Die Israelitische Kultusgemeinde hatte vor dem „Anschluss" Österreichs an das „Deutsche Reich" 181.882 Mitglieder. Die Nürnberger Gesetze klassifizierten im Mai 1938 rund 201.000 Menschen als Jüdinnen und Juden.[3] Während sich die israelitische Kultusgemeinde um die Fürsorge für die unter Repressalien leidende jüdische Bevölkerung kümmerte, waren Menschen, die als Jüdinnen und Juden klassifiziert wurden, auf andere Fürsorgeorganisationen wie die „Aktion Gildemeester", die „Religious Society of Friends" (Quaker) und die „schwedische Mission" angewiesen.[4]

Karte (Screenshot) jüdischer Alten- und Waisenheime

Karte jüdischer Alten- und Waisenheime

Kinder-, Waisen- und Altenheime in Wien

Während einigen, vorrangigen, jüngeren Jüdinnen und Juden die Flucht ins Ausland gelang, gab es unter den Opfern der Verfolgung auch zwei Gruppen, die besonders hilflos der nationalsozialistischen Verfolgung ausgesetzt waren. Zum einen waren das vor allem ältere Menschen, welchen die Flucht aufgrund ihrer finanziellen und/oder gesundheitlichen Lage nicht möglich war und die unversorgt oder auf Hilfe angewiesen zurückblieben.[5] Zum anderen waren auch jüdische Waisen- und Heimkinder den nationalsozialistischen Repressalien schutzlos ausgeliefert. Neben dem Unvermögen dieser beiden Opfergruppen, eine Flucht ins Ausland oder in Verstecke selbst zu organisieren, kommt hinzu, dass auch die Transporte nach Malyj Trostenez für Kinder und ältere Personen bereits gefährlicher sein konnten als für andere Opfer. Auch wenn sie bis nach Minsk überlebt hatten, so kamen sie dann für den Einsatz zur Zwangsarbeit rund um das Vernichtungslager nicht in Frage, weshalb die Ankunft nach der Deportation für diese beiden Opfergruppen meist die unmittelbare Ermordung bedeutete, sofern sie die Strapazen des Transportes überlebt hatten.[6]

Bis zum „Anschluss“ Österreichs an das „Deutsche Reich“ im März 1938 betrieb die Israelitische Kultusgemeinde 12 Kinder- und Waisenheime in Wien. Bereits 1938 und 1939 wurden die meisten allerdings geschlossen und in manchen Fällen in Altersheime der IKG umfunktioniert. Die Notlage verstärkend kam hinzu, dass die städtischen Kinderheime der Stadt Wien 1939 jüdische Kinder nicht mehr in ihren Einrichtungen aufnahmen und sie sogar auswies. Deshalb mussten in den Kinderheimen der IKG weitere jüdische Heimkinder aufgenommen werden.[7] Nach Oktober 1942 existierte sogar nur mehr ein einziges Kinderheim der IKG, das bis Kriegsende einige wenige jüdische Kinder betreute.[8]

Im Gegensatz zur abnehmenden Zahl der Kinder in Waisenheimen, stieg die Zahl der jüdischen Alten- und Pflegeheime genauso wie die Anzahl der in ihnen betreuten Personen nach dem „Anschluss“ deutlich an. Das hatte zum einen mit der Emigration jüngerer Familienmitglieder zu tun, die sich für gewöhnlich um Pflege und Fürsorge gekümmert hatten, und zum anderen mit der systematischen Entrechtung der jüdischen Bevölkerung, die dadurch in prekäre Situationen gedrängt wurde. Die Situation in den Alter- und Pflegeheimen war geprägt von Überlastung des Pflegepersonals, es gab viel mehr Anfragen als vorhandene Pflegeplätze, und die Heime wurden durch die nach und nach stattfindenden Deportationen aufgelöst.[9]

Jüdische Altersheime: 

Seegasse 9, 1090 Wien 

Große Schiffgasse 3, 1020 Wien 

Wasnergasse 33, 1200 Wien 

Malzgasse 16, 1020 Wien

Malzgasse 7, 1020 Wien 

Radetzkystraße 5, 1030 Wien

Große Schiffgasse 18, 1020 Wien 

Haasgasse 8, 1020 Wien

Zirkusgasse 3a, 1020 Wien 

Seegasse 16, 1090 Wien 

Aixingergasse 97-103, 1100

Goldschlagstraße 84, 1150 Wien 

Hohe Warte 31, 1190 Wien 

Jüdische Kinder- und Waisenheime:

Aspernbrückengasse 1, 1020 Wien 

Denisgasse 33, 1200 Wien 

Untere Augartenstraße 35, 1020 Wien

Malzgasse 7, 1020 Wien

Ruthgasse 21, 1190 Wien 

Bauernfeldgasse 40, 1190 Wien 

Probusgasse 2, 1190 Wien 

Grünentorgasse 26, 1090 Wien

Tempelgasse 3, 1020 Wien 

Haasgasse 10, 1020 Wien 

Böcklinstraße 59, 1020 Wien 

Auhofstraße 222, 1130 Wien 

Goldschlagstraße 84, 1150 Wien 

Quellen: 

[1] Vgl. https://encyclopedia.ushmm.org/content/de/article/documenting-numbers-of-victims-of-the-holocaust-and-nazi-persecution.

[2] Vgl. https://www.yadvashem.org/de/holocaust/about/nazi-germany-1933-39/non-jewish-victims.html.

[3] Vgl. Hecht et al. (2019), Letzte Orte, S. 13.

[4] Vgl. ebd., S. 17.

[5] Vgl. Hecht et al. (2017), Topographie der Shoa, S. 240.

[6] Vgl. Sybille Steinbacher, Deportiert von Wien nach Minsk. In: Waltraud Barton, IM-MER (Hg.): Ermordet in Maly Trostinec. Die österreichischen Opfer der Shoa in Weißrussland. Beiträge zur Konferenz „Maly Trostinec erinnern“, 28.–29. November 2011, Wien Museum, Wien 2012, S. 34-35.

[7] Vgl. Hecht et al. (2017), Topographie der Shoa, S. 270.

[8] Vgl. ebd., S. 269.

[9] Vgl. ebd., S. 245-246.