Vernichtungsstätte Blagowschtschina

Wald der Namen

Auf dem „Umsiedlungsgebiet“, so eine Bezeichnung für eine Lichtung im Wald, hatten Angehörige der Waffen-SS vor dem Eintreffen des ersten von 16 Transporten, die zwischen dem 11. Mai und dem 9. Oktober 1942 in Malyj Trostenez eintreffen sollten, eine große Grube ausgegraben. Die jüdischen Opfer mussten sich um die Grube aufstellen, ehe sie per Genickschuss in die Gruppen geschossen wurden. Ob bei dieser Tötungsaktion ein Gaswagen genutzt wurde, ist unklar. Auch ist nicht gänzlich geklärt, welche Einheiten bei diesen Vernichtungsaktionen beteiligt waren. Gesichert ist nur, dass der „2. Zug Waffen-SS” der „1. Komp./ Batl. d. Waffen-SS z.b.V.” eingesetzt wurde. Geleitet wurde die Tötung vom „Judenreferenten“ des KdS, Kurt Burkhardt.

Der Tätigkeitsbericht von Gerhard Arlt spiegelt diese erste Tötungsaktion wider:

„Am 11.5. traf ein Transport mit Juden (1.000 Stück) aus Wien in Minsk ein, und wurden gleich vom Bahnhof zur oben genannten Grube geschafft. Dazu war der Zug direkt an der Grube eingesetzt. Am 13.5. beaufsichtigten 8 Mann die Ausgrabung einer weiteren Grube, da in nächster Zeit abermals ein Transport mit Juden aus dem Reich, hier eintreffen soll.”[1]

Die Exekutionskommandos dieser Tötungsaktionen bestanden meist aus 10 bis 20 Männern. Wichtig war Kommandeur Eduard Strauch zudem, dass alle Dienstangestellten an den Exekutionen teilnahmen. Dabei sollten besonders die SS-Führer ihren Untergeben mit „gutem Beispiel“ vorangehen. Die Tötungsaktionen wurde zumeist als Erschießungen durchgeführt. Die Gruben mit den Leichen wurden mit Chlorkalk bedeckt und zugeschüttet. Zuletzt wurden die Massengräber mit Raupen planiert und mit Zweigen getarnt.

Tätigkeitsbericht des II. Zugs des Bataillons der Waffen-SS z. b. V. (Gruppe Arlt) in Minsk (Bilddatei)

Tätigkeitsbericht Arlt

Unklar ist, ab welchem Zeitpunkt Gaswagen eingesetzt wurden und wie viele Menschen dadurch ums Leben kamen. Eingesetzt wurden diese, nach der Anklageschrift Georg Albert Wilhelm Heusers, spätestens Mitte Juni 1942. Die Tötungsmethode schildert Heuser so:

„Die Wagen hatten einen großen Kastenaufbau, der mit Flügeltüren luftdicht verschlossen werden konnte. In dem Aufbau fanden etwa fünfzig bis sechzig Personen Platz. Die Vergasung der im Wagen befindlichen Personen wurde erst an der Grube bei stehendem Fahrzeug eingeleitet. Durch einen Schlauch, den der Fahrer an der Exekutionsstelle anschloß, wurden die Motorgase in das Wageninnere geleitet. Der Vergasungsvorgang dauerte etwa 15 Minuten, der Motor lief dabei mit geringem Handgas. Nach Abschluß des Vergasungsvorganges wurden die Leichen durch ein Kommando Juden oder russischer Häftlinge aus dem Wagen ausgeladen und in die Grube gelegt. Nach Beendigung einer solchen Vergasungsaktion wurde das Entladekommando erschossen." [2]

Einen weiteren Bericht, aus Täterperspektive, über die Mechanismen der Tötung mittels Gaswagen liefert die Niederschrift Josef Wendls:

„Nachdem alle G-Wagen geladen waren, in meinem Wagen waren ca. 70 Opfer geladen worden, fuhren wir mit dem G-Wagen weiter in südliche Richtung etwa 5 km von diesem Bahngelände entfernt. Hier war in einem Wald - und Wiesengelände eine große Grube ausgehoben worden. Ich erinnere mich, daß die Grube durch MG-Nester abgesichert war. [...] Nun folgte die übliche Vergasung. Abschließend wurden die Türen geöffnet, die Russen zerrte [sic!] die Leichen heraus, entkleideten sie und schichteten die Leichen in der Grube auf. [...] Ich habe mit einem G-Wagen noch eine zweite Ladung vom Güterzug holen müssen. Ich weiß, dass einige der anderen G-Wagen an diesem Tag sogar dreimal gefahren sind. Nach dem Fassungsvermögen schätze ich, daß an diesem Tag etwa 700-1000 Juden vergast worden”. [3]

 Nach diesen Ermordungen durch Gas mussten jüdische Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter die Gaswagen reinigen. Es wird angenommen, dass dies auch am See des Landguts von Malyj Trostenez stattfand.

Die Exekutionen im Wald von Blagowschtschina blieb der einheimischen Bevölkerung nicht verborgen, wie ein Bericht der damals 14-jährigen Anna Borisova zeigt:

 „Wenn ich zum Beeren-Sammeln im Wald war, habe ich oft beobachten können, wie Menschen erschossen wurden. Es gab sehr viele Gruben. Dorthin brachte man die Menschen in den „dušegubki“ und ließ sie einfach in die Gruben fallen, weil sie schon auf dem Weg in den dušegubki gestorben waren. Und wenn sie Lebende heranbrachten, erschossen sie sie zuerst und warfen sie dann in diese Gruben. Einige versuchten zu fliehen, aber diese Versuche gelangen nie, alles war vergeblich”. [4]

Bis Herbst 1943 blieb der Wald von Blagowschtschina die zentrale Exekutionsstelle der Minsker Sicherheitspolizei. Auch nach Auflösung des Lagers wurden noch Menschen dort im Wald erschossen, darunter Kriegsgefangene und Partisanenkämpfer. Die letzten Morde erfolgten zwischen 1. September und 23. Oktober 1943. Weitere Ermordungen fanden in den „Krematorien“ von Schaschkowa statt, wo die Opfer direkt in die Gruben geschossen und anschließend verbrannt wurden.

Zwischen 40.000 und 55. 000 Menschen sollen laut Adolf Rübe, dem Leiter der Wache im Ghetto Minsk, im Wald von Blagowschtschina ermordet worden sein.

Quellen: 

[1]/[2] Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (DÖW): Vernichtungsort Maly Trostinec 

[3] Rentrop, Petra: Tatorte der „Endlösung“. Das Ghetto Minsk und die Vernichtungsstätte Maly Trostinez. Berlin: Metropol. 2011. S. 209

[4] Rentrop, Petra: Tatorte der „Endlösung“. Das Ghetto Minsk und die Vernichtungsstätte Maly Trostinez. Berlin: Metropol. 2011. S. 207.

[5] Rentrop, Petra: Tatorte der “Endlösung”. Das Ghetto Minsk und die Vernichtungsstätte Maly Trostinez. Berlin: Metropol. 2011. S. 211.