Der Massenmord

Die Wahrheit über „Gut 16"

Der Bericht schildert detailreich den organisierten Massenmord an den Gefangenen der nahegelegenen Ghettos wie auch des Vernichtungsortes Malyj Trostenez selbst. Die Lagerinsassinnen und Lagerinsassen wurden zunächst im Dunkeln gelassen, was mit den kranken, schwachen und damit arbeitsunfähigen Häftlingen nach ihrer Verlegung auf „Gut 16” geschah. Die Wahrheit über Geschehnissen an diesem Ort erfuhren die Gefangenen mitunter durch die Augenzeugenberichte einer Arbeitskolonne, die im Wald von Blagowschtschina in der Nähe der dortigen Massengräber eingesetzt worden war.

„Inzwischen hatten wir erfahren, dass es keine „anderen Güter“ in der Umgebung von Minsk gibt und dass alle Leute[,] die von den Transporten, als auch die aus dem Ghetto[,] auf das sogenannte 'Gut 16' gekommen sind. [Es] beherbergt 1000de erschossene und mittels Gaswagen vergaste Menschen. Oft fuhr aus unserem Lager eine Arbeitskolonne in den, dem 'Gut 16' nahe gelegenen Wald. Diese erzählten öfter, Kastenwägen und offenen Wägen begegnet zu sein, die in dieser Richtung fuhren. Einmal sahen sie sogar am Waldeingang einen in Beinkleidern liegenden Toten, der wahrscheinlich, um sich zu retten, aus einem fahrenden Wagen gesprungen war und dann von der Begleitmannschaft erschossen wurde.[…]”[1]

Beobachtung der Massenmorde und Spurenbeseitigung

Im Oktober 1943 wurde unter Aufsicht des „Sonderkommando 1005“ damit begonnen, die Spuren des Massenmordes an Menschen aus dem Lager und den Ghettos um Minsk herum zu beseitigen. Bis Dezember 1943 wurden die Massengräber des „Gut 16” erneut geöffnet, um die Leichen der dort verscharrten Ermordeten zu verbrennen. Für diesen Zweck entstand auf Befehl Himmlers extra das „Sonderkommando 1005 Mitte“, das für die Spurenbeseitigung in Weißrussland ins Leben gerufen worden war. Es hatte im Oktober 1943 seinen Sitz im Lager Malyj Trostenez[2] Die Ermordung weiterer Opfer wurde währenddessen fortgesetzt.

„Tag für Tag fuhr nun das S.K. 1005 zu folgender interessanter Arbeit. Auf 'Gut 16' wurden die Gruben geöffnet, die Leichen herausgezerrt, Holz angeführt und nun konnte man 2 Monate lang Tag und Nacht das Feuer sehen.“ [3]

Aus der Vernehmung von Otto Drews wird der Prozess der Vertuschung ebenso ersichtlich:

„Die Leichen wurden mit Haken aus den Gräbern gezogen. [...] Der Scheiterhaufen bestand abwechselnd aus einer Schicht Holz und einer Schicht Leichen“ [5]

Um weiterhin ungestört töten zu können, wurde die Hinrichtungsstätte anschließend verlegt – in die unmittelbare Nähe des Zwangsarbeiterlagers Malyj Trostenez. Ende 1943 wurde im Wald von Schaschkowa südlich des Lagers eine Leichenverbrennungsanlage eingerichtet, wo die Überreste der dort ermordeten Menschen sofort verbrannt und damit beseitigt werden konnten. Dort wurden schätzungsweise insgesamt 50.000 Opfer getötet.[4]

Auch wenn der Blick auf die Anlage durch Bretterzäune nach außen wohl abgeschirmt werden sollte, konnten die Lagerinsassinnen- und -insassen laut Seiler dennoch die Geschehnisse dort beobachten:

 „Nachdem jede Spur des Geschehens getilgt war und die Herren bei ihrer Beschäftigung öfter von Partisanen gestört wurden – wurde Gut 16 verlegt und zwar zu uns ins Lager. Täglich kamen nun Kastenwagen. Von den Baracken aus konnte man Herrn Rieder und seine Helfer ungesehen beobachten.“ [5]

Schilderung der Massenmorde durch Gaswagen

In der Folge wurden die Lagergefangenen immer öfter Zeuginnen und Zeugen der Massenmorde durch Gaswagen, der Erschießungen sowie der anschließenden Beseitigung der Leichen in der Leichenverbrennungsanlage beim Lager:

„Manchmal brachte der Kastenwagen, der immer von einem Personenwagen begleitet war […] ein oder 2 lebende Männer oder Frauen mit, die die Aufgabe hatten, die Toten aus dem Wagen zu zerren, natürlich wurden sie nach getaner Arbeit sofort erschossen – ein Kübel Teer, eine Brandbombe und in wenigen Minuten verfinstert ein dicker schwarzer Rauch den Himmel und ein beißender Geruch verbreitet sich im Lager. Aber bald hörten die Kastenwagen, auf und man brachte Männer, Frauen und Kinder im offenen Wagen, mit Bündel bepackt, manchmal sogar noch essend – keiner schien zu ahnen, dass dies seine letzte Fahrt sei. Und Herr Rieder „arbeitete“ mit seiner M.Pi.“ [6]

Manche der Gefangenen des Lagers waren aber nicht nur direkte Augenzeuginnen -und zeugen dieser Massenvernichtung. Für die Arbeit an dieser Verbrennungsanlage wurden Menschen zur Zwangsarbeit herangezogen, welche unter anderem darin bestand die für die Verbrennung der Leichen benötigten Holzstöße aufzurichten.[7]

I-Weggabelung, die wohl den Weg zur Hinrichtungsstätte im Waldstück Blagowotschina („Gut 16“) zeigt<br />

Das Foto zeigt vermutlich die Erschiessungsstätte im Wald von Blagowotschina (“Gut 16”):

  1. - Weg zur Erschiessungsstätte
  2. - Erschiessungsstätte
  3. - Haltestelle der LKW mit den Häftlingen
  4. - Position der Wächter
  5. - Ort, an dem sich Albert  Saukitens am Vormittag auf Posten befand [Mitglied einer Einheit lettischer  Kollaborateure]
Karte Malyj Trostenez

Die Karte zeigt das Lager sowie die beiden Waldstücke, in denen tausende von Menschen vernichtet wurden.

 Quellen: 

[1] Seiler Bericht, S.7.

[2] Vgl.: Winfried R. Garscha: Die Erforschung der Vernichtungsstätte Maly Trostinec, in: Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes(Hg.): Deportation und Vernichtung- Maly Trostinec, Wien 2019, S. 71.

[3] Seiler Bericht, S.8.

[4] Vgl.: Kat. Wanderausstellung „Malyj Trostenez. Geschichte und Erinnerung“ 2016-2019, S. 145.

[5] Seiler Bericht, S.8.

[6] Ebd., S.9.

[7] Vgl.: Winfried R. Garscha: Die Erforschung der Vernichtungsstätte Maly Trostinec, in: Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes(Hg.): Deportation und Vernichtung- Maly Trostinec, Wien 2019, S. 72.