Nachkriegsjustiz

In der Bundesrepublik Deutschland wurden zwischen 1949 und 1969 gegen 31 Personen wegen Verbrechen in Malyj Trostenez ermittelt, sieben von ihnen wurden freigesprochen, fünf erhielten eine lebenslange Freiheitsstrafe.  Im Zuge der Ermittlungen zum Verbrechenskomplex Malyj Trostenez in Koblenz gegen Georg Heuser 1962/63 stieß die Staatsanwaltschaft Koblenz auch auf mehr als 50 Namen von österreichischen Angehörigen des KdS (Kommandeur der Sicherheitspolizei) Minsk und übergab die Liste den österreichischen Justizbehörden. Es kam jedoch nur zu einem Prozess gegen eine Person, den Gaswagenfahrer Josef Wendl. Er wurde 1970 von einem österreichischen Geschworenengericht freigesprochen. Damit war keiner der namentlich bekannten 50 Täter, die aus Österreich stammten, wegen der Verbrechen in Malyj Trostenez justiziell belangt worden.

Portrait Simon Wiesenthal

Simon Wiesenthal

Simon Wiesenthal

Simon Wiesenthal ist von eminenter Bedeutung für die Österreichische Nachkriegsjustiz. Sein persönliches Engagement führte nicht nur zu einer großen Vernetzung unter den ehemals Verfolgten, sondern auch zu einigen Prozessen gegen die NS-Täterinnen und NS-Tätern. Er wurde 1908 in Buczacz (damals Galizien, heute Ukraine) geboren. Im Juli 1941 wurde er verhaftet und in ein KZ deportiert. Im Laufe der Jahre war er in verschiedenen Konzentrationslagern inhaftiert und erlebte schließlich die Befreiung im KZ Mauthausen. Bereits kurz nach Ende des Zweiten Weltkrieges begann Simon Wiesenthal mit der Suche nach Beweisen gegen NS-Täterinnen und NS-Tätern. Im Jahr 1947 gründete er die Dokumentationsstelle Jüdische Historische Dokumentation in Linz, die jedoch aufgrund von fehlender finanzieller Unterstützung geschlossen werden musste. Simon Wiesenthal ging schließlich nach Wien und gründete dort ein neues Dokumentationszentrum. Sein gesamtes restliches Leben widmete er der Suche nach NS-Täterinnen und NS-Tätern und sammelte so umfangreiche Informationen, die er den Strafverfolgungsbehörden zur Verfügung stellte. Simon Wiesenthal starb im September 2005 in Wien. [1]

Die Suche nach Zeuginnen und Zeugen

Zentral für die Nachkriegsjustiz wurden Aussagen von Zeuginnen und Zeugen, doch es gab nur wenige Überlebende, und sie waren teilweise über die ganze Welt verstreut, in Lagern oder in einer neuen Heimat. Es ist der Verdienst Simon Wiesenthals, für diese Zeuginnen und Zeugen eine Anlaufstelle geschaffen zu haben, wo sie ihre Aussagen niederlegen konnten, oder auch selbst aktiv nach Zeugen gesucht zu haben, etwa in Zeitungsaufrufen.

Beispielhaft für die Suche nach Zeuginnen und Zeugen steht dieser Brief von Simon Wiesenthal an Hans Schueller mit der Bitte um Aussagen über NS-Verbrechen. Simon Wiesenthal ging jeder Information nach, die er bei seinen Recherchen erhielt.

Brief Simon Wiesenthal an Hans Schueller (Bilddatei)

Das Sammeln von historischen Quellen

Fahrplanordnung

Simon Wiesenthals Recherchen beschränkten sich nicht nur auf den Briefverkehr mit Behörden oder möglichen Zeuginnen und Zeugen, er sammelte auch viele NS-Dokumente, wie diesen Fahrplan von Wien nach Minsk am 12. Mai 1942 belegt. [3]

Auszug Zugfahrplan Wien - Minsk  (Bilddatei)

Auszug Zugfahrplan Wien - Minsk

Liste Deportationsort Minsk

Zu den weiteren Dokumenten, die Simon Wiesenthal sammelte, gehörten auch Deportationslisten (in diesem Fall von möglichen Zeuginnen und Zeugen). Diese Übersicht zeigt das Datum der Deportation nach Minsk, und anschließend den weiteren Verbleib der Person, falls sich Informationen zu diesem fanden. [4]

Liste Deportationsort Minsk  (Bilddatei)
Brief Josef Toch an Oberstleutnant Kaes

Brief Josef Toch an Oberstleutnant Kaes

Brief von Josef Toch

In diesem Brief schreibt Josef Toch an Oberstleutnant Kaes über seine Beobachtungen beim Prozess in Koblenz gegen NS-Verbrecher in Minsk und Malyj Trostenez. Er verweist auf die Arbeit Simon Wiesenthals. Aus diesem Brief geht vor allem auch der Unmut gegen die österreichische Strafverfolgung von NS-Verbrechen hervor. Es wird die „Opferthese“, die lange in Österreich zentraler Bestandteil der Erinnerung war, kritisiert und die Beteiligung von Österreicherinnen und Österreichern an nationalsozialistischen Verbrechen betont. [5]

Quellen: 

[1] Vgl. VWI, Lebenslauf Simon Wiesenthal, online unter: https://www.vwi.ac.at/index.php/institut/simon-wiesenthal/lebenslauf-simon-wiesenthal (22.06.2021). 

[2] VWI-SWA, I.1, Minsk – Korresp. bez. Aufklärung von Verbrechen in Minsk – I_II, Brief an Hans Schueller

[3] VWI-SWA, I.1, Minsk – NS-Dokumente_ Fahrplananordungen mit Zielbahnhof Minsk.

[4] VWI-SWA, I.1, Minsk – Korresp. bez. Aufklaerung von Verbrechen in Minsk – I_II, Deportationsort Minsk.

[5] VWI-SWA, I.1, Minsk – Korresp. bez. Aufklaerung von Verbrechen in Minsk – II_II, Brief Josef Toch.