Die Exekutionsstätte Blahaǔščyna

Triggerwarnung: Diese Ausstellungsseite befasst sich explizit mit der Ermordung jüdischer Menschen und könnte verstörend auf Besucher:innen wirken.

Portrait Erich Ehrlinger

Erich Ehrlinger, Befehlshaber des Kommandeurs der Sicherheitspolizei (KdS) Minsk

Mit der Auswahl des Waldstücks von Blahaǔščyna als Hinrichtungsstätte begann der Transformationsprozess von Maly Trascjanec unter nationalsozialistischer Besatzung. Diese Entwicklung steht im Zusammenhang mit den infrastrukturellen Anforderungen, mit denen sich die nationalsozialistische Vernichtungsmaschinerie infolge ihrer ausbeuterischen und genozidalen Besatzungspolitik konfrontiert sah.

Im schwer kriegszerstörten Minsk errichteten die deutschen Besatzer am 19. Juli 1941 ein Ghetto, in dem die verbliebenen 85.000 Minsker Jüdinnen und Juden sowie ab November 1941 die ersten deportierten jüdischen Menschen aus dem "Altreich" im Rahmen der beginnenden Planung des Holocausts in der Sowjetunion festgehalten werden sollten. Für die vorgesehenen Massenhinrichtungen an den Ghettobewohner:innen suchte der Kommandeur der Sicherheitspolizei (KdS) Minsk unter Leitung von SS-Obertsturmführer Erich Ehrlinger eine schlecht einsehbare Exekutionsstätte, die er im Wald Blahaǔščyna, 13 km südöstlich von Minsk, fand.1

Für die Auswahl dieses Areals waren für den KdS Minsk zwei Gründe entscheidend: Erstens die Abgeschiedenheit und zweitens die gute infrastrukturelle Anbindung an die südlich gelegene Schnellstraße nach Mahiljou. Ab dem 10. August 1942 nutzte die SS die wieder instandgesetzte Zughaltestelle von Kolodišči, einige hundert Meter nördlich des Gutes in Trascjanec, von der ab diesem Tag die Deportierten aus nach Blahaǔščyna gebracht werden.2

Auf einer Waldlichtung ließ Ehrlinger von sowjetischen Kriegsgefangenen Gruben mit den Maßen 60x5x3 Metern ausheben. Von der KdS-Dienststelle wurden sie euphemistisch "Umsiedlungsgelände" genannt. Die ersten Opfer der Erschießungen in Blahaǔščyna waren 10.000 Jüdinnen und Juden aus dem Minsker Ghetto im November 1941. Die Lichtung wurde schnell zur zentralen Exekutionsstätte des Minsker SD.3

Erprobung einer neuen Tötungsmethode im September 1941 in Mogilew (Belarus)

Erprobung von Gaswagen als Tötungsmethode in Belarus

Der Transport der Deportierten erfolgte vom Güterbahnhof Minsk mit LKW nach Blahaǔščyna, bis zu einem Sammelplatz etwa zwei Kilometer vor den Gruben. Dort wurden die Menschen aus den LKW geholt, mussten zu den Gruben laufen und sich direkt am Grubenrand aufstellen, wo sie von Angehörigen des SD erschossen wurden. Nachdem die Gruben mit Leichen gefüllt waren, wurden diese mit Löschkalk bedeckt, mit Erde ausgeschüttet und planiert.4 Ein anderes Kommando spielte Musik neben den Gruben, um den Knall der Schüsse für die umliegenden Bewohner:innen und die Insassen:innen der ankommenden LKW zu übertönen.5

Im März 1942 wurden dem KdS Minsk drei Gaswagen zur Verfügung gestellt.6 Der Fahrer eines Gaswagens, der Wiener Josef Wendl, schildert einen Einsatz folgendermaßen:

"Nachdem alle G-Wagen [=Gas-Wagen] geladen waren, in meinem Wagen waren ca. 70 Opfer geladen worden, fuhren wir mit dem G-Wagen weiter in südliche Richtung etwa 5 km von diesem Bahngelände entfernt. Hier war in einem Wald- und Wiesengelände eine große Grube ausgehoben worden. Ich erinnere mich, daß die Grube durch MG-Nester abgesichert war. [...] Wir mußten mit den G-Wagen rückwärts an die Grube heranfahren. Nun folgte die übliche Vergasung."7

Ausschnitt Luftbild 1944 (Blahaǔščyna)

Ausschnitt Luftbild 1944 (Blahaǔščyna)

In der von Wendl beschriebenen "Großaktion" wurden an einem Tag 7.000 bis 10.000 Menschen ermordet. Bis Oktober 1943 wurden im Wald von Blahaǔščyna 34 Gruben mit den Leichen von bis zu 30.000 ermordeten Menschen gefüllt; die meisten von ihnen waren Jüdinnen und Juden. Dazu wird eine nicht genauer bestimmbare Zahl an Partisanen, Sowjetbürger:innen sowie Angehörigen der Inteligenzija hier ermordet. Die "Aktion 1005", eine groß angelegte Spurenbeseitigungsaktion, macht konkrete Angaben unmöglich. Auf einem Luftbild aus dem Juni 1944 ist die Waldlichtung mit den ausgehobenen und umgebrabenen Massengräbern erkennbar.

Inhaltlich verantwortlich: Peter Kamp

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1 Vgl. Kohl, Das Vernichtungslager Trostenez, S. 11.

2 Vgl. Rentrop, Tatorte der Endlösung, S. 198.

3 Vgl. Kohl, Das Vernichtungslager Trostenez, S. 12.

4 Vgl. Kohl, Der Krieg der deutschen Wehrmacht und der Polizei, S. 108f.

5 Vgl. Kohl, Das Vernichtungslager Trostenez, S. 13.

6 Vgl. Rentrop, Tatorte der Endlösung, S. 208.

7 Ebd., S. 209.